Langzeit-Therapie des diabetischen Hundes

1/ Einleitung

Der Diabetes mellitus (D.m.) ist eine unter Hunden mittleren und fortgeschrittenen Alters weit verbreitete endokrine Erkrankung, die durch einen absoluten oder relativen Mangel an Insulin gekennzeichnet ist.1 Grundpfeiler der Behandlung von betroffenen Hunden ist die Insulingabe in Form einer Langzeit-Behandlung mit einer oder zwei täglichen Injektionen, die der Hundebesitzer verabreicht. Über die Ursache des D.m. beim Hund ist nur sehr wenig bekannt, es handelt sich jedoch zweifellos um eine multifaktorielle Genese. Neben einer genetischen Prädisposition1 konnte bei betroffenen Hunden eine immunvermittelte Zerstörung der β-Zellen des Pankreas nachgewiesen werden.2–5

 


2/ Klinisches Bild

Hunde mit unkompliziertem D.m. werden dem Tierarzt im Regelfall mit Polyurie, Polydipsie, Gewichtsverlust, gesteigertem Appetit und Lethargie vorgestellt. Die meisten erkrankten Hunde sind über sieben Jahre alt, und Hündinnen weisen ein höheres Erkrankungsrisiko auf als Rüden.6, 7 Die ersten klassischen Anzeichen sind typischerweise chronisch und können sich über viele Wochen oder Monaten hinziehen.6 Anfangs werden die Symptome häufig übersehen oder vom Besitzer als unbedeutend eingeschätzt. Wenn der Patient eine Ketose und eine metabolische Azidose entwickelt, entstehen schwerwiegendere Symptome wie Erbrechen und Anorexie, die den Tierhalter veranlassen, nun sehr schnell einen Tierarzt aufzusuchen. In einer Universitäts-Tierklinik hatten etwa 40% der diabetischen Hunde bei der Erstvorstellung bereits eine Ketose entwickelt.6 Das Fortschreiten der Erkrankung zu einem komplizierteren D.m. geht bei vielen Patienten einher mit der Entwicklung von Begleiterkrankungen wie Pankreatitis und bakteriellen Infektionen der Haut, der Schleimhäute oder der Harnwege.

Eine Kataraktbildung ist die häufigste und langfristig gesehen eine der klinisch bedeutsamsten Komplikationen des D.m. beim Hund.1 Es handelt sich um einen irreversiblen Prozess, der relativ schnell fortschreitet. Aus einer klinischen Übersicht geht hervor, dass etwa 30 % aller diabetischen Hunde zum Zeitpunkt der ersten Vorstellung unter einer verminderten Sehleistung leiden und etwa die Hälfte der restlichen Hunde innerhalb von zwei Jahren blind wird.8 Eine umfangreiche Studie ergab, dass sich bei der Mehrzahl der diabetischen Hunde innerhalb von fünf bis sechs Monaten nach der Erstdiagnose des D.m. eine Katarakt entwickelt und dass innerhalb von 16 Monaten etwa 80 % der Patienten eine ausgeprägte Linsentrübung zeigen.9



3/ Leitsätze

  • Die Insulin-Substitution ist der Grundpfeiler der Diabetes mellitus-Behandlung beim Hund
  • Die Mehrzahl der diabetischen Hunde benötigt zur Kontrolle der klinischen Symptome täglich zwei Insulingaben.
  • Die Insulindosierung und das Diätprogramm müssen auf jeden diabetischen Hund individuell abgestimmt werden.
  • Eine konsequente Insulingabe und Einhaltung der Ernährungsroutine sind optimal, jedoch nicht entscheidend. Aus praktischen Erwägungen heraus können Kompromisse erforderlich werden, die sich klinisch aber selten als nachteilig erweisen.
  • Die Diät eines diabetischen Hundes muss in erster Linie schmackhaft und ernährungsphysiologisch ausgewogen sein.
  • Die Ergebnisse neuerer Studien zeigen, dass eine verbesserte Einstellung der Blutzuckerwerte bei den meisten diabetischen Hunden mit einem erhöhten Anteil unlöslicher Fasern in der Diät erreicht werden kann.
  • Eine Verringerung des Fettanteils in der Nahrung wird bei Patienten empfohlen, die gleichzeitig an einer Funktionsstörung des exokrinen Pankreas leiden.
  • Bei den meisten diabetischen Hunden führt eine Kataraktbildung zur Erblindung.

Ein Insulin-Mangel führt zu Veränderungen des Kohlenhydrat-, Fett- und Proteinstoffwechsels. Die Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels manifestieren sich als Hyperglykämie und Glukosurie und sind für die bei diabetischen Hunden zu beobachtenden klassischen Symptome wie Polyurie, Polydipsie und Kataraktbildung verantwortlich. Eine Hyperlipidämie, Ketonkörper und Leberveränderungen sind primär das Resultat eines pathologisch veränderten Fettstoffwechsels bei diabetischen Hunden. Die herabgesetzte Verwertung von Glukose, Aminosäuren und Fettsäuren in den Körperzellen gilt als Ursache der für unbehandelte diabetische Hunde typischen Symptome wie Lethargie, Gewichtsverlust, verringerte Stimulierung des Sättigungszentrums, schlechte Fellqualität und reduzierte Immunabwehr.



3/ Therapie

Die Langzeit-Behandlung eines Hundes mit D.m. hat drei primäre Ziele:

 

  • Bekämpfung der klinischen Symptome
  • Vermeidung einer Insulin-induzierten Hypoglykämie
  • Wiederaufnahme der normalen Lebensweise und Wiederherstellung der körperlichen Leistungsfähigkeit

Bereits kurze Zeit nach der Einleitung der Insulin-Behandlung bessert sich die Lethargie, die Hunde werden aktiver und nehmen wieder aufmerksamer an ihrer Umgebung teil. Der Gewichtsverlust wird in der Regel bereits aufgehalten, bevor die optimale Blutzucker-Einstellung erreicht worden ist, der Prozess der Kataraktbildung hat dann aber leider bei der Mehrzahl der diabetischen Hunde bereits eingesetzt. Ein vollständiger Rückgang der Polyurie und Polydipsie tritt jedoch erst ein, wenn der Blut-Glukosespiegel unterhalb der Nierenschwelle gehalten werden kann.

 

4/ Insulin

 In der Praxis steht eine Reihe verschiedener Insulin-Präparate zur Verfügung, die sich bezüglich Wirkungseintritt und Wirkdauer unterscheiden (Tabelle 1). Alt-Insulin ist durch einen schnellen Wirkungseintritt und eine kurze Wirkdauer charakterisiert und deshalb für die Langzeit-Behandlung von diabetischen Hunden ungeeignet. Produkte mit längerer Wirkdauer (Depot-Insuline) wie Ultralente-Insulin, Insulin- Zink-Suspensionen und Isophan-Insulin sind besser geeignet, da sie bereits nach einer einzigen Injektion eine kontinuierliche Insulin-Versorgung über viele Stunden gewährleisten. Intermediärinsuline mit einer Wirkdauer von 12 bis 20 Stunden werden zweimal täglich injiziert. Vorgemischte Kombinationen von kurzzeitig und länger wirksamen Insulinen wie Semilente und Ultralente führen zu einem relativ genau vorhersehbaren und sehr schnell einsetzenden Wirkungsmaximum.10 Darüber hinaus sind zahlreiche Kombinationen von Alt- und Isophan- Insulin fast überall erhältlich.

 Wichtig für die Auswahl eines Insulin-Präparates für die Langzeit-Anwendung bei einem diabetischen Hund ist die Spezies-Herkunft des Insulins. Insulin vom Schwein hat exakt die gleiche Aminosäurensequenz wie Insulin vom Hund und induziert auch bei einer Langzeit-Anwendung beim Hund keine Insulin-Antikörper.11–14 Insulin von Mensch und Hund unterscheiden sich durch eine Aminosäure. Insulin-Antikörper wurden nur bei einem einzigen Hund nachgewiesen, der mit rekombinantem Human-Insulin behandelt worden war.15 Insulin von Rind und Hund unterscheiden sich dagegen in zwei Aminosäuren. Insulin-Antikörper wurden bei Hunden gefunden, die mit gereinigtem Insulin vom Rind11 und mit gemischtem Insulin von Rind und Schwein behandelt worden waren.13, 15 Da diese Insulin-Antikörper bei einigen mit der Mischung behandelten diabetischen Hunden zu einer Beeinträchtigung der glykämischen Kontrolle führten,15 wird vielfach empfohlen, Präparate mit bovinem Insulin zu meiden.

 Rekombinante Humaninsulin-Präparate stehen in der Regel in einer Konzentration von 100 I.E./ml im Handel zur Verfügung. In einigen Ländern sind Intermediär-Insulin vom Schwein oder Insulin-Zink-Suspensionen von Rind und Schwein (wie Caninsulin ad us. vet.) in einer Konzentration von 40 I.E./ml erhältlich. Diese geringer konzentrierten Präparate sind vor allem für kleinere Hunde geeignet, die eine Insulin-Dosis von insgesamt nur 1 oder 2 I.E. benötigen. Spritzen mit einer I.E.-Maßeinteilung sind für beide Insulin-Konzentrationen erhältlich. Insulin-Pens stehen für Isophan- Insulin und die vorgemischten Kombinationen von Alt- und Isophan-Insulin zur Verfügung. Die meisten Injektions-Pens erlauben die Applikation einer Minimaldosis von 2 I.E., die in Schritten von 1 I.E. gesteigert werden kann. Sie sind deshalb besonders gut für kleinere Patienten geeignet.

Bei einigen diabetischen Hunden lässt sich eine gute Blutzucker- Einstellung mit einer einzigen täglichen Applikation eines der länger wirksamen Insulin-Präparate erreichen. Die meisten Hunde mit D.m. brauchen jedoch zwei Insulin- Injektionen pro Tag, um ihre klinischen Symptome unter Kontrolle zu halten.1, 12, 16 Vielfach werden Behandlungsprotokolle mit nur einer täglichen Insulin-Injektion als die einfachere und bequemere Variante angesehen. Die meisten dieser Behandlungsprotokolle sehen jedoch zwei tägliche Fütterungen vor. Besitzer diabetischer Hunde empfinden die Notwendigkeit, zweimal täglich zu bestimmten Zeiten bei ihrem Hund zu Hause sein zu müssen, als eine sehr starke Einschränkung ihres Tagesablaufes. Erfahrene Tierbesitzer haben nur selten Probleme mit den täglichen Insulin-Injektionen und empfinden es als eine nur geringfügige Zusatzbelastung, ihrem Hund gleichzeitig eine Insulin-Spritze zu geben, wenn sie sowieso zur Fütterung zu Hause sein müssen. Viele Kliniker ziehen deshalb Behandlungsprotokolle vor, die eine Applikation derselben Insulin-Dosis zusammen mit der Fütterung derselben Futtermenge in regelmäßigen Abständen von 12 Stunden vorsehen. Bei der Verwendung von Intermediär-Insulin12 oder einer vorgemischten Kombination von Alt- und Isophan-Insulin stimmen der Wirkungseintritt und die Periode der maximalen Insulin-Aktivität ungefähr mit dem zu erwartenden Verlauf der postprandialen Nährstoffabsorption überein.

 

5/ Ernährung

Das Futter für einen diabetischen Hund sollte ausreichende Mengen an Energie liefern, um eine optimale Körperkondition aufzubauen oder aufrechtzuerhalten. Hunde mit schlecht eingestelltem Blutzucker können die aus dem Magen-Darm- Trakt resorbierten Nährstoffe schlecht metabolisieren und verlieren Glukose über den Harn. Sie brauchen folglich mehr Energie zur Deckung ihres Erhaltungsbedarfes als gesunde Hunde. Die Diät für diabetische Hunde sollte ernährungsphysiologisch ausgewogen und schmackhaft sein, sodass eine ausreichende freiwillige Futteraufnahme gewährleistet ist. Der Zeitpunkt der Fütterung wird im Idealfall so gelegt, dass die maximale Aktivität des verabreichten Insulins in der postprandialen Phase zur Entfaltung kommt.12 Da Zeitpunkt und Dosierung der täglichen Insulingabe meist feststehen, müssen der Zeitpunkt der Fütterung und die Zusammensetzung des Futters so gewählt werden, dass es zu einer vorhersehbaren Blutzucker-Reaktion kommt. Das Futter sollte deshalb stets annähernd die gleiche Zusammensetzung und den gleichen Energiegehalt aufweisen und täglich zur gleichen Zeit angeboten werden. Die Besitzer diabetischer Hunde müssen darüber aufgeklärt werden, dass nur eine regelmäßige Insulingabe und Fütterungspraxis eine optimale Blutzucker-Einstellung sicherstellen, auch wenn aus praktischen Erwägungen in Einzelfällen gewisse Kompromisse erforderlich sein können.

Seit einigen Jahrzehnten besteht ein großes wissenschaftliches Interesse an der Zusammensetzung einer optimalen Diät für Menschen, die an den verschiedenen Typen des Diabetes mellitus erkrankt sind. Ein Ergebnis dieser Forschungsbemühungen ist die Erkenntnis, dass geeignete Diäten eine zentrale Rolle in der Behandlung von Diabetikern spielen. In jüngster Zeit hat auch die veterinärmedizinische Forschung begonnen, diesem Trend zu folgen, sodass heute ein Vergleich zwischen den Diät-Empfehlungen für diabetische Menschen und diabetische Hunde gezogen werden kann (Tabelle 2).

 

A. Rohfaser und komplexe Kohlenhydrate – aktuelle Empfehlungen für Diabetiker

Bevor es eine Insulin-Therapie gab, enthielten die Diäten für Menschen mit D.m. vorwiegend Fette und Proteine als Energiequellen. Kohlenhydrate wurden weitgehend vermieden, um die Hyperglykämie unter Kontrolle zu halten. Bei den heute für Diabetiker empfohlenen Diäten ist der Gehalt an gesättigten Fettsäuren weitgehend durch komplexe Kohlenhydrate ersetzt. Der Hauptgrund für diesen Austausch war die Erkenntnis, dass das Risiko, an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben, durch eine Senkung des Plasma-Cholesterinspiegels deutlich verringert werden kann. Viele Proteinquellen sind nicht als Ersatz für Nahrungsfette geeignet, da sie selbst einen großen Fettanteil haben. Die einzige verbleibende Option war folglich die Erhöhung des Anteils an Kohlenhydraten. Es konnte gezeigt werden, dass der Cholesteringehalt von Low-density-Lipoproteinen bei Diabetikern signifikant reduziert ist, wenn die gesättigten Fettsäuren ihrer Nahrung durch komplexe Kohlenhydrate ersetzt wurden.20 Heute wird deshalb dringend empfohlen, dass ein Diabetiker 55 bis 60 % der gesamten Energie durch Kohlenhydrate deckt. Der größte Teil dieser Kohlenhydrate sollte komplex sein, und die Diät sollte große Mengen von resistenter Stärke und Fasern enthalten.21 Zur besseren Orientierung wurde für Diabetiker eine Einteilung der Lebensmittel nach ihrer akuten glykämischen Wirkung vorgeschlagen. 17 Am besten geeignet sind unter diesem Aspekt Nahrungsmittel mit einem niedrigen glykämischen Index wie Hülsenfrüchte, Hafer und Gerste.

Bei Diabetikern kann eine hohe Aufnahme von Kohlenhydraten mit starken Schwankungen des Blut-Glukosespiegels und einer Hypertriglyzeridämie einhergehen. Ein Vergleich der Wirkung von kohlenhydratreicher Diät mit hohem Gehalt an löslichen Fasern mit der Wirkung von kohlenhydratreicher und faserarmer Diät zeigte jedoch bei Patienten, die Diäten mit löslichen Fasern erhalten hatten, niedrigere Spiegel von glykosyliertem Hämoglobin,22 niedrigere postprandiale Blut- Glukosespiegel und einen unterdrückten oder aufgehobenen hypertriglyzeridämischen Effekt.23 Um eine maximale Wirkung zu erzielen, müssen die verdaulichen Kohlenhydrate über 40% der insgesamt aufgenommen Energiemenge erreichen. Nur lösliche Fasern haben einen hypoglykämischen und hypolipidämischen Effekt, während unlösliche Fasern keinerlei Wirkung zu haben scheinen.24 Dieser Effekt ist vermutlich auf die Fähigkeit bestimmter löslicher Fasern zurückzuführen, die wie zum Beispiel Guarkernmehl ein visköses Gel bilden und damit den Transfer von Nährstoffen zur absorptiven Oberfläche des Darms behindern.25

Stets muss jedoch berücksichtigt werden, dass der Kohlenhydratstoffwechsel am stärksten durch das verabreichte Insulin beeinflusst wird. Für Diabetiker mit absolutem Insulin-Mangel sind diätetische Maßnahmen deshalb lediglich als Ergänzung der Insulin-Therapie zu betrachten. Die Ergebnisse einer neueren Untersuchung über die Wirkungen von Nahrungsmitteln mit unterschiedlichen glykämischen Indizes bei einer kleinen Zahl von gut eingestellten Diabetikern zeigen den Stellenwert einer Diät bei einem D.m.:26 Man fand heraus, dass die Diäten mit einem niedrigen glykämischen Index die Nüchtern-Blutzuckerwerte senken und dass Diäten mit erhöhtem Gehalt an löslichen Fasern den postprandialen Anstieg der Plasmaglukose verringern. Diese Unterschiede waren jedoch nicht so groß, als dass eine Anpassung der Insulin-Dosis erforderlich gewesen wäre.


B. Was sind Nahrungsfasern?

Mit dem Begriff Fasern werden die komplexesten und am wenigsten definierbaren Bestandteile von Nahrungsmitteln pflanzlicher Herkunft zusammengefasst. Es handelt sich um eine vielfältige Gruppe von pflanzlichen Polysacchariden, Mucilago und phenolischen Komponenten.27 Die Bezeichnung Nahrungsfasern ist eine zusammenfassende Kurzbeschreibung einer großen Vielfalt von Substanzen. Nahrungsfasern sollten deshalb eher als ein ernährungsphysiologisches Konzept begriffen werden und weniger als eine exakt definierbare Substanz. Es gibt verschiedene Methoden zur Faser- Analyse, die alle etwas anderes messen und zu unterschiedlichen Resultaten führen. Auch dieselbe Analysemethode kann unterschiedliche Resultate hervorbringen, wenn sie von verschiedenen Labors durchgeführt wird. Rohfaser (crude fibre, CF) ist die auf Futtermittel-Etiketten gesetzlich vorgeschriebene Angabe. Es handelt sich hierbei um den in verdünnten Säuren und Laugen unlöslichen fett- und aschefreien Rückstand. Dabei wird jedoch der Gesamtgehalt an Fasern (dietary fibre, DF) von den üblichen Bestandteilen in kommerziellen Tierfuttermitteln und aus Faser-Supplementen gegenüber dem Rohfaser-Gehalt erheblich unterschätzt, was in der Ernährungslehre des Menschen inzwischen beachtet wird27 (Abb. 1).

Analysemethoden, die die einzelnen Zucker einschließlich des Polysaccharide quantifizieren, teilen die Nahrungsfasern aufgrund ihres Verhaltens in einem wässrigen Medium in lösliche und unlösliche Fraktionen ein. Lösliche Fasern haben eine hohe Wasserbindungskapazität, bilden in Wasser eine visköse Lösung und werden sehr leicht von der Kolonmikroflora des Hundes abgebaut. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die von der Darmschleimhaut absorbiert werden. Man nimmt an, dass diese Fettsäuren die Sekretion intestinaler Hormone stimulieren, die den Nährstoff-Transport des Darms beeinflussen und die Insulin-Sekretion fördern – zwei Wirkungen, die gemeinsam die Entfernung von Glukose aus dem Blutkreislauf fördern.28 Eine neue Studie zeigt, dass Hunde, die mit Diäten mit erhöhter Viskosität gefüttert werden, tatsächlich eine schnellere postprandiale Glukose-Absorption aufweisen, was zu einem Anstieg der totalen postprandialen Glukose-Absorption führt. Gleichzeitig neigen diese Hunde jedoch eher zur Entwicklung einer sekretorischen Diarrhoe als Hunde, die eine Diät mit niedrigerer Viskosität erhalten.29 Aus diesen Resultaten lässt sich folgern, dass nur Diäten mit einem mittleren Viskositätsgrad zu einer Verzögerung der Darm-Passage und zu einer optimalen Glukose-Homöostase beim Hund führen. Hunde können die unlöslichen Komponenten der Nahrungsfasern nicht verdauen und scheiden sie folglich mit dem Kot aus. Im Gegensatz zu den löslichen Fasern scheinen unlösliche Fasern eine relativ geringe physiologische Wirkung im Darm des Hundes zu entwickeln, sie werden selbst in relativ hohen Konzentrationen in der Nahrung gut vertragen.27 Die meisten Futtermittel enthalten mehr unlösliche als lösliche Fasern. Dies gilt auch für Produkte, die speziell als Quellen löslicher Fasern angepriesen werden, wie zum Beispiel das Guarkernmehl.

Die vielleicht hilfreichste Information zur Beschreibung der Nahrungsfasern ist die Herkunft der Faser. So haben Obst, Hülsenfrüchte, Hafer, Gerste und Psylliumfrüchte einen höheren Anteil löslicher Fasern als Zerealien und Gemüse, wenngleich es auch hier Ausnahmen gibt. Erbsenfasern (gereinigte Erbsenschoten), gereinigte Zellulose, Haferkleie, Weizenkleie und Guarkernmehl sind Beispiele für Faserquellen, die häufig in kommerziellen Tierfuttermitteln oder als Faser-Supplemente in der Nahrung eingesetzt werden (Abb. 1). Einer der Hauptvorteile von faserreichen Futtermitteln ist die Verlangsamung der intestinalen Glukose-Absorption. Fasern sollten also stets als integraler Bestandteil des Futters und nicht separat als Supplemente verabreicht werden.

 

C. Nahrungsfasern und komplexe Kohlenhydrate – aktuelle Empfehlungen für diabetische Hunde

Studien mit diabetischen Hunden zeigen, dass faserreiche Diäten zu einer Verbesserung der Blutzuckerwerte beitragen können.18, 19, 30–32 Bereits nach einmaliger Verabreichung von Futter mit einem erhöhten Gehalt entweder an löslichen Fasern oder an unlöslichen Fasern wird bei den Probanden mit der Diät mit löslichen Fasern eine stärkere Reduktion der postprandialen Hyperglykämie festgestellt.30 Bei einem entsprechenden Vergleich über einen längeren Zeitraum von einem oder zwei Monaten18, 19 wurde für die Diät mit erhöhtem Gehalt an unlöslichen Fasern eine Tendenz zu verbesserten Blutzuckerwerten und weniger unerwünschten Nebenwirkungen festgestellt. Insbesondere wurden signifikant niedrigere Spiegel von glykosyliertem Hämoglobin18 und Fruktosamin19 gemessen. Unabhängig von der Zusammensetzung der faserreichen Diät oder der Dauer der Überwachung konnte bezüglich des täglichen Insulin-Bedarfs18, 19, 30–32 oder der Nüchtern- Triglyzeridspiegel18, 32 kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen der faserreich oder faserarm ernährten diabetischen Hunde festgestellt wurden.

Besondere Bedeutung haben offenbar die große individuelle Variationsbreite der Reaktionen der diabetischen Hunde gegenüber den Nahrungsfasern. Eine Untersuchung32 zeigte eine signifikante Verbesserung sämtlicher Kontroll-Indikatoren der Glykämie, einschließlich eines reduzierten täglichen Insulin- Bedarfes bei neun von elf Hunden, die mit einer faserreichen Diät gefüttert wurden. Bei den beiden anderen Hunden verbesserten sich die Blutzuckerwerte bei der Fütterung von faserarmer Diät. Eine ähnliche Situation ist beim Menschen zu beobachten, da kohlenhydrat- und faserreiche Diäten nicht bei allen Diabetikern eine einheitliche Wirkung zeigen.21 Teilweise kann dies verursacht werden durch die gelegentlich bei faserreichen Diäten zu beobachtenden unerwünschten Begleiterscheinungen wie zum Beispiel geringe Schmackhaftigkeit, schlechte Gewichtszunahme, schlechte Fellqualität, voluminöser Kot, Flatulenz, Diarrhoe und Obstipation.

 Im Vergleich zu der umfangreichen Literatur über den Einfluss von Nahrungsfasern auf den D.m. beim Menschen ist die Zahl der Studien, die sich mit diesem Aspekt bei diabetischen Hunden beschäftigt, sehr gering. Sicherlich besteht kein Zweifel darüber, dass viele Diät-Empfehlungen für diabetische Menschen auch für Hunde mit D.m. relevant sind. Dennoch ist klar, dass die spezifischen Bedürfnisse von Hunden mit D.m. eine weitergehende Aufklärung erfordern. Der Einfluss faserreicher und faserarmer Diäten wurde zwar auch bei diabetischen Hunden untersucht, es wurde jedoch nur selten untersucht, ob bei einem Langzeit-Einsatz eines Futtermittels ein erhöhter Fasergehalt zu messbaren Vorteilen gegenüber einem konventionellen Futtermittel führt. Zur genaueren Bestimmung der optimalen Quantität, Art und Quelle von Nahrungsfasern sind deshalb noch weitere Untersuchungen notwendig. Zukünftige Studien werden außerdem die Auswirkungen von Faser-Verarbeitung und Zusammensetzung des verdaulichen Kohlenhydratanteils der Nahrung klären. Letzten Endes werden Kliniker wissen wollen, welchen therapeutischen Nutzen kommerziell erhältliche faserreiche Diäten gegenüber üblichen Erhaltungsfuttermitteln mit moderatem Fasergehalt für den Patienten bieten. Die Tierbesitzer dürften auf der anderen Seite ein starkes Interesse daran haben, dass die für ihre Tiere empfohlenen faserreichen Diäten eine hohe Schmackhaftigkeit und möglichst wenig unerwünschte Nebenwirkungen aufweisen.

D. Nahrungsfette

 Veränderungen des Fettstoffwechsels treten bei einem Insulin- Mangel sowohl bei Menschen als auch bei Hunden auf. Beim Menschen mit D.m. entstehen atherogene Fettstoffwechselstörungen, die eine Prädisposition für koronare Herzerkrankungen, zerebrovaskuläre Verschlusserkrankungen und Erkrankungen peripherer Arterien darstellen.33 Fettarme Diäten können die Morbidität und Letalität kardiovaskulärer Erkrankungen beim Menschen mit D.m. nachweislich reduzieren. Glücklicherweise gehören Atherosklerose und Arterienerkrankungen bei diabetischen Hunden nicht zu den klinisch relevanten Problemen. Dagegen ist bereits seit längerer Zeit bekannt, dass ein großer Teil der an D.m. erkrankten Hunde Krankheiten des exokrinen Pankreas aufweist.6, 34–40 Als mögliche Ursachen der kaninen Pankreatitis gelten eine fettreiche Ernährung und Hypertriglyzeridämie.41 Folglich werden für Hunde mit chronischer Pankreatitis und exokriner Pankreas-Insuffizienz fettarme Diäten empfohlen. Da die Diagnose einer subklinischen Erkrankung des exokrinen Pankreas bei diabetischen Hunden sehr schwierig sein kann,42 erscheint es ratsam, alle Hunde mit D.m. a priori fettreduziert zu ernähren.



E. Nahrungsprotein

Die für Menschen mit D.m. empfohlene Proteinzusammensetzung der Nahrung unterscheidet sich nicht von den Empfehlungen für die nicht-diabetische Bevölkerung. Wenn Patienten jedoch eine Albuminurie oder eine persistierende Proteinurie entwickeln, kann eine Protein-Restriktion das Fortschreiten einer diabetischen Nephropathie verlangsamen.24 Über den optimalen Proteingehalt in der Nahrung von diabetischen Hunden liegen keine Erkenntnisse vor. Zurzeit wird empfohlen, dass der Nahrungsproteingehalt den täglichen Bedarf decken, aber nicht übermäßig hoch sein soll.1 Albuminurie und Proteinurie treten auch bei Hunden mit D.m. auf43 und können dann eine Restriktion des Nahrungsproteins erfordern. Tabelle 3 stellt Ernährungsempfehlungen für diabetische Hunde zusammen.

F. Relevanz von Ergebnissen aus Studien mit gesunden Hunden für Hunde mit D.m.

Über die Beeinflussung der Blutzuckerwerte durch verschiedene kohlenhydrathaltige Futtermittel ist bei Hunden nur wenig bekannt. Man fand beispielsweise heraus, dass ein halbfeuchtes Futter mit Maissirup im Vergleich zu einem Dosenfutter und einem Trockenfutter ohne Maissirup bei gesunden Hunden zu signifikant stärkeren postprandialen Blutzucker-Anstiegen führt.44 Eine aktuelle Studie, in der die postprandialen Effekte fünf verschiedener Diäten mit gleichem Stärkegehalt aus verschiedenen Zerealienquellen untersucht wurden, konnte deutliche Unterschiede bei den Glukose- und Insulin-Antworten von gesunden Hunden feststellen.45 Die Diät auf Reisbasis führte zu deutlich höheren postprandialen Glukose- und Insulin-Werten. Sorghum rief meistens die schwächste postprandiale Glukose-Veränderung hervor, während Gerste die niedrigste Insulin-Reaktion auslöste. Diese Erkenntnisse bilden eine interessante Grundlage für zukünftige Studien über die Auswirkungen von Diäten mit Gerste und Sorghum bei diabetischen Hunden. Bevor spezifische Empfehlungen ausgesprochen werden können, müssen jedoch noch die Resultate weiterer Untersuchungen abgewartet werden. Bemerkenswert ist, dass in Untersuchungen am Menschen eine ausgeprägte Variabilität der Blutzucker-Reaktionen auf verschiedene Gerstearten46 und Reis47 festgestellt wurde.

Untersuchungen haben gezeigt, dass mit einem diätetischen Mineralstoff-Supplement (Chromtripicolinat) die Clearencerate von Glukose aus dem Blut gesunder Hunde um etwa 10% gesteigert werden kann.48 Da es sich bei Chrom nicht um ein Medikament, sondern um ein essentielles Spurenelement handelt, bringt eine Supplementierung nur bei Patienten mit eindeutigem oder marginalem Chrommangel einen Vorteil. Man weiß inzwischen, dass die Chromaufnahme mit der Nahrung bei den meisten Menschen in den industrialisierten Ländern suboptimal ist.49 Ähnliche Erkenntnisse bei Hunden liegen nicht vor, sodass weitere Untersuchungen zur Bestimmung eines Mindestbedarfs an Chrom in der Nahrung gesunder Hunde erforderlich sind. Chrom soll die Insulin-Wirkung auf die Glukose-Speicherung fördern und gilt als nützliche Ergänzung zur Insulin-Therapie. Möglicherweise kann eine unzureichende Chromversorgung bei Hunden das Risiko einer D.m.-Entwicklung erhöhen. Postuliert wird ferner, dass von einigen insulinpflichtigen diabetischen Hunden anorganisches Chrom nicht mehr in die biologisch aktive Form umgewandelt werden kann und dass sie deshalb Futtermittel mit der biologisch aktiven Form von Chrom benötigen.50 Zurzeit gibt es nur wenige Informationen über die Auswirkungen einer Chrom- Supplementierung bei insulinpflichtigen Menschen.51, 52 Fütterungsversuche mit diabetischen Hunden sind erforderlich, um die Wirkungen einer diätetischen Chrom-Supplementierung bei dieser Spezies zu bestimmen.

 

6/ Beratung der Tierhalter zur Entwicklung einer praktischen Routine

Abb. 2

Das primäre Ziel der Langzeit-Behandlung diabetischer Hunde ist die Bekämpfung der klinischen Symptome. Der Erfolg dieser Maßnahmen lässt sich unter anderem daran erkennen, dass gut eingestellte diabetische Hunde nicht lethargisch sind, eine optimale körperliche Kondition aufrechterhalten, in 24 Stunden weniger als 60 ml Wasser pro kg Körpergewicht trinken (Anm. d. Red.: Erhaltungsbedarf für kleine Hunde mit einer Körpermasse unter 15 kg ist größer) und keine Ketonurie aufweisen.

Diese Ziele lassen sich mit verschiedenen Behandlungskonzepten erreichen. Generell lässt sich die Behandlungsstrategie individuell anpassen, ohne die klinische Antwort entscheidend zu beeinträchtigen. Im Idealfall sollte das verabreichte Insulin über die gesamten 24 Stunden eines Tages wirksam sein, und die Fütterungen sollten so gelegt werden, dass die postprandialen Perioden mit den Phasen der maximalen Insulin-Aktivität zusammenfallen. Dies bedeutet in der Regel, dass der erkrankte Hund eine gewisse Zeit nach der Insulin-Injektion gefüttert werden muss. Oft ist es für den Besitzer jedoch bequemer, den Hund zum Zeitpunkt der Insulingabe zu füttern, und viele Tierhalter betrachten dies gewissermaßen als Belohnung ihres Hundes für das Erdulden der Injektion. Nach den Erfahrungen der Autorinnen ist eine gute Kontrolle der klinischen Symptome bei diabetischen Hunden prinzipiell auch dann sehr leicht zu erreichen, wenn die Fütterung und die Insulin-Injektion zum gleichen Zeitpunkt stattfinden. Wichtig ist, dass jeder Fall individuell betrachtet wird, und in der Regel ist es bei sämtlichen Behandlungskonzepten möglich, individuelle praktische Modifikationen vorzunehmen, die dafür sorgen, dass der Tagesablauf des Patientenbesitzers nicht allzu sehr gestört wird.

Das zweite Ziel der Therapie ist die Vermeidung einer Insulininduzierten Hypoglykämie. Jede Person im Haushalt des diabetischen Hundes muss über diese mögliche Komplikation informiert sein, da sie sich sehr leicht zu einem dramatischen und lebensbedrohenden Notfall entwickeln kann. Es kann an dieser Stelle nicht eindringlich genug betont werden, wie wichtig es ist, dass eine Insulin-Überdosierung vermieden wird. Wenn bei der Injektion ein Teil des Insulins „danebengeht“, darf niemals nachdosiert werden, selbst wenn es scheint, dass der Hund kein Insulin erhalten hat. Wenn Unsicherheit über die tatsächlich verabreichte Insulin-Dosis herrscht, ist der sicherste Weg, die Injektion auszusetzen, da die Folgen einer einzigen ausgelassenen Insulin-Dosis zu vernachlässigen sind. Die klinischen Symptome von Hunden mit Hypoglykämie sind in Abb. 2 aufgelistet. Bei milden Symptomen einer Unterzuckerung sollte der Besitzer dem Hund eine Portion des normalen Futters anbieten. Wenn der Hund nicht fressen will oder kann, wird ein Sirup mit hohem Glukosegehalt oral verabreicht. Geeignete Fertigpräparate für Menschen mit D.m. sind im Handel erhältlich. Wenn sich der Hund nach der Sirupeingabe erholt, sollte er so schnell wie möglich gefüttert werden. Von weiteren Insulingaben sollte zunächst abgesehen werden, bis die Situation mit dem Tierarzt besprochen wurde. In der Regel wird in diesen Fällen zunächst eine Halbierung der Insulin- Dosis empfohlen. Besondere Sorgfalt ist bei der Abgabe von Insulin-Spritzen an Tierbesitzer erforderlich, denn es muss sichergestellt werden, dass es nicht zu Fehldosierungen kommt. Die Teilstriche auf vielen 1-ml-Insulin-Spritzen entsprechen einer Menge von 2 I.E., während die Teilstriche auf den meisten 0,5-ml-Insulin-Spritzen 1 I.E. entsprechen. Die Maßeinteilungen auf Spritzen für Insulin mit 100 I.E./ml entsprechen einem anderen Volumen als die Teilstriche auf Spritzen für Insulin mit 40 I.E./ml, und dies kann zu fatalen Dosierungsfehlern führen.

Eine Langzeit-Therapie diabetischer Hunde zielt auf die Wiederaufnahme der normalen Lebensweise und die Wiedererlangung der normalen Leistungsfähigkeit der Tiere ab. Die meisten Besitzer benötigen ein bis zwei Wochen, um eine tägliche Behandlungsroutine zu entwickeln und die Technik der subkutanen Injektion zu erlernen. Danach folgt eine Periode der Anpassung und Stabilisierung der Therapie, das heißt, der Patient wird auf seine individuelle Insulin-Dosis eingestellt. Eine gute Blutzucker-Einstellung beim diabetischen Patienten ist in der Regel nach einer mindestens zweimonatigen Phase mit mehrmaliger Beurteilung des Blutzucker-Status und nötigenfalls entsprechender Anpassung der Insulin-Dosis zu erreichen. Ist der Patient optimal eingestellt, können sich weitere klinische Verbesserungen über mehrere Wochen entwickeln, bevor der Hund schließlich einen optimalen Gesundheits- und Fitness-Zustand erreicht. Viele diabetische Hunde sind älter und haben naturgemäß einen moderateren Bewegungsdrang. Jüngere Hunde können dagegen eine sehr hohe Leistungsfähigkeit wiedererlangen und benötigen deshalb eine fortgesetzte Anpassung ihrer täglichen Energieaufnahme und Insulin-Dosis.

7/ Begleitende Erkrankungen

Die meisten Hunde mit D.m. sind im mittleren oder fortgeschrittenen Alter und neigen deshalb zu Erkrankungen, die in diesen Altersgruppen häufiger auftreten. Dazu zählen Begleitkrankheiten, die unter Umständen eine Insulin-Resistenz hervorrufen können und gleichzeitig mit dem D.m. behandelt werden müssen. Richtig behandelte diabetische Hunde haben prinzipiell die gleiche Lebenserwartung wie Artgenossen desselben Alters und Geschlechts ohne D.m. Allerdings ist das Sterberisiko für D.m.-Patienten in den ersten sechs Monaten der Therapie am höchsten.53 Eine Insulin-Resistenz bei bestehendem Hyperadrenokortizismus ist ein relativ häufiges Problem bei diabetischen Hunden40 und kann sich als große diagnostische und therapeutische Herausforderung erweisen. Bei einigen Hunden mit D.m. kann die Behandlung auch durch eine chronische Pankreatitis erschwert werden. Bei vielen diabetischen Hunden zeigt sich eine geschwächte Immunabwehr, die zu einer erhöhten Anfälligkeit für bakterielle Infektionen, insbesondere der Haut und der Harnwege, führen kann. Regelmäßige bakterielle Harnkulturen gelten deshalb auch ohne klinische Symptome einer Harnwegserkrankung als ratsam.54 Bei Hündinnen ist eine Ovariohysterektomie zu empfehlen, da sich während der langen Progesteronphase des Zyklus eine hormonell bedingte Insulin-Resistenz entwickeln kann.1

Die meisten Hunde mit D.m. erblinden früher oder später oder entwickeln eine phakogene Uveitis. Dabei handelt es sich um die einzigen wirklich bedeutenden Komplikationen des D.m.1 Eine geringgradige oder subklinische Uveitis besteht bei den meisten Hunden mit diabetischen Katarakten und ist in vielen Fällen recht erfolgreich mit oralen nicht-steroidalen Antiphlogistika wie Aspirin in den Griff zu bekommen.55 Eine phakogene Uveitis kann unbehandelt zu bleibenden Augenschäden führen. Eine chirurgische Linsen-Extraktion führt bei der diabetischen Katarakt aber in der Regel zur Wiederherstellung einer guten Sehkraft und zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität des Hundes.

 

8/ Schlussfolgerung

Die erfolgreiche Langzeit-Behandlung eines Hundes mit D.m. erfordert sehr oft fortlaufende Veränderungen der Lebensweise von Besitzer und erkranktem Tier. Eine fallspezifische, individuelle Anpassung des Behandlungskonzeptes ist deshalb unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Die besten Behandlungsergebnisse lassen sich erzielen mit gegenseitigem Vertrauen und enger Zusammenarbeit zwischen Tierarzt und Tierhalter. Die Langzeit-Betreuung eines diabetischen Hundes kann so eine der lohnenswertesten Aufgaben sein, und viele diabetische Hunde und ihre Besitzer nehmen in der Kleintierpraxis eine besondere Stellung ein.


9/ Literatur

1. Feldman, E. C., Nelson, R. W. Diabetes mellitus. In: Feldman, E. C., Nelson, R. W. (eds.) Canine and Feline Endocrinology and Reproduction, 2nd edn. Philadelphia: W. B Saunders, 1996: 339–391.

2. Sai, P., Debray-Sachs, M., Jondet, A., Gepts, W., Assan, R. Anti-beta-cell immunity in insulinopenic diabetic dogs. Diabetes 1984; 33: 135–140.

3. Alejandro, R., Feldman, E., Shienvold, F. L., Mintz, D. H. Advances in canine diabetes mellitus research: Etiopathology and results of islet transplantation. Journal of the American Veterinary Medical Association 1988; 193: 1050–1055.

4. Hoenig, M., Dawe, D. L. A qualitative assay for beta cell antibodies. Preliminary results in dogs with diabetes mellitus. Veterinary Immunology and Immunopathology 1992, 32: 195–203.

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