Adipositas: Die Schlüsselrolle der Proteine

Die Behandlung der Adipositas bei Hunden und Katzen besteht bis heute weitgehend auf dem Einsatz von Diäten, die kalorienarm und rohfaserreich sind….

Ein besseres Verständnis des Energiestoffwechsels und der Zellbiochemie hat zur Entwicklung neuer Behandlungsansätze geführt. Man setzt nun auf Diäten mit hohem Proteingehalt und konzentrierten für Karnivoren essenziellen Nährstoffen.

Umfangreichere Kenntnisse über die Risiken einer Adipositas – insbesondere Erkrankungen des Bewegungsapparates (Lahmheiten) und Diabetes mellitus – weisen auf die Bedeutung einer diätetischen Vorbeugung hin.

 

1/ Epidemiologie

Einer kürzlich durchgeführten Untersuchung(*) zufolge, werden in Europa 19 % der Hunde und 17 % der Katzen, die in der tierärztlichen Praxis vorgestellt werden, vom behandelnden Tierarzt als adipös beurteilt. Die Studie deckt zudem auf, dass Adipositas in der Regel kein primärer Anlass für die Konsultation ist, sondern eher ein «Zufallsbefund», zum Beispiel bei der Untersuchung anlässlich einer Impfung. Dies spiegelt die psychologische Hemmschwelle vieler Besitzer wider, sich eine Adipositas bei ihrem Tier einzugestehen und hindert sie daran die geeigneten Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

(*)IES-Befragung von 500 europäischen Tierärzten Mai-November 2001

 

2/ Ursachen der Adipositas

a) Pathophysiologie
Die Bedeutung von Endokrinopathien (Hypothyreose, Cushing, Insulinom) für die Adipositas beim Hund ist nicht bekannt. Man geht davon aus, dass sie beim Menschen an 5 % aller Adipositasfälle beteiligt sind (Armstrong 1951).

Für den Ernährungswissenschaftler liegt die Ursache der Adipositas in einem Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und Energieverbrauch. Zur Gewichtsreduktion reicht es daher theoretisch aus, das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen, indem man das adipöse Tier zu vermehrter Bewegung veranlasst und gleichzeitig seine Energieaufnahme verringert. Für die Wiederherstellung dieses Gleichgewichts sollte eine gewisse Zeit in Anspruch genommen werden (6 Monate bei 1-2 % Gewichtsverlust pro Woche).


b) Verhaltensbiologische Faktoren
Veterinärethologen haben die Einflüsse des Verhaltens auf die Adipositas intensiv analysiert.

Bei der Katze (**) ist festzustellen, dass ihre Besitzer keine oder nur wenig Kenntnisse über das Ethogramm ihres Tieres haben. Die Katze ist ein strikter Karnivore. Unter natürlichen Bedingungen jagt sie allein und fängt kleine Beutetiere (Mäuse, Vögel, eventuell Hasen) (Liberg, 1982 1984). Ihre Nahrungsaufnahme verteilt sich auf 10 bis 20 Rationen pro Tag. Eine auf zwei Mahlzeiten täglich beschränkte Fütterung ist deshalb weit entfernt von der natürlichen Lebensweise der Katze.
Die Katze benötigt darüber hinaus eine reichhaltige, anregende Umgebung, die es ihr ermöglicht, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben: Beobachten, Spielen, Verstecken, Schlafen, Körperpflege, Markieren etc. Viele Hauskatzen leben unter Bedingungen, die ihrem Ethogramm nicht gerecht werden. Mögliche Folgen sind eine übermäßige Futteraufnahme und die daraus resultierende Entwicklung einer Adipositas.
Die mangelhafte Berücksichtigung des Ethogramms der Katze ist darüber hinaus Ursache zahlreicher Missverständnisse zwischen Tier und Besitzer. Der Halter denkt, die Katze fange Vögel, weil sie nicht genug zu fressen bekommt, das Miauen der Katze bedeute, dass sie nach Futter verlangt, die Zuneigung einer Katze lasse sich über die Nahrung erkaufen etc.

 

Abbildung 1

Beim Hund (***) besteht ein Zusammenhang zwischen Adipositas und den für diese Spezies typischen sozialen Aspekten der Nahrungsaufnahme. Als Tier, das in der Meute jagt, respektiert der Hund eine Hierarchie bei der Aufteilung der Beute. Im Kreis der Familie misst der Hund deshalb der Nahrung, die er von seinem Herrchen oder Frauchen kommt (Tischreste, Snacks etc.) eine besonders starke symbolische Bedeutung bei. Die strenge Ritualisierung der Fütterung ist daher ein unverzichtbares Modul im Kampf gegen die Adipositas. Ritualisierung bedeutet: Zubereitung des Futters und Fütterung zu einem festen Zeitpunkt, Wegnehmen des Futternapfes nach 15 Minuten, auch wenn dieser nicht geleert ist, Verzicht auf Snacks etc.
Die Behandlung einer Adipositas beim Hund ist häufig deshalb so schwierig, weil Futter und Fütterung eine große Bedeutung für die affektive Beziehung zwischen Halter und Hund hat. Die geforderte strenge Ritualisierung aber greift genau in diese Beziehungsebene ein.

(**) Muller G., Dehasse J., Heath S., Schubert A. Feline Obesity : a behavioural approach – ROYAL CANIN’s Guide 2002
(***)ROYAL CANIN Seminar vom 12 Juli 2002

 

 

3/ Traditionelle diätetische Behandlung

In der Veterinärmedizin nimmt die Adipositas eine Sonderstellung ein, denn sie ist die einzige Erkrankung, für die es außer der diätetischen Therapie keine andere Behandlungsoption gibt.

Eine einfache Rationierung des Futters sollte – theoretisch – ausreichen, um das gestörte energetische Gleichgewicht wiederherzustellen. Es konnte jedoch nachgewiesen werden, dass eine Reduktionsdiät mit einem Erhaltungsfuttermittel tatsächlich eine erhebliche Restriktion darstellt. Denn sie birgt die Gefahr eines Mangels an essenziellen Nährstoffen mit schwerwiegenden Folgen in sich. (Fisler 1992). Ein hypokalorisches Diätfuttermittel muss deshalb erhöhte Konzentrationen essenzieller Nährstoffe (Proteine, Vitamine...) enthalten.

 

Tabelle 1

Die ersten Diätfuttermittel zur Reduzierung des Körpergewichts richteten sich nach einem sehr einfachen ernährungsphysiologischen Prinzip, das darin besteht, den Faseranteil zu erhöhen (Fasern liefern keine Energie) und den Fettanteil zu reduzieren. Diese « low fat – high fibre » Diäten haben jedoch zahlreiche Nachteile: Ihre Schmackhaftigkeit lässt zu wünschen übrig, sie führen zu voluminösen Fäzes und haben häufig ein stumpfes Fell zur Folge etc.
Schließlich haben Wissenschaftler am WALTHAM-Forschungszentrum entdeckt, dass Fasern – selbst wenn sie das Volumen der Ration erhöhen – keinerlei Auswirkungen auf die Sättigung des Tieres haben (Butterwick, 1994).

 

4/ Neue diätetische Behandlungskonzepte

Diätetische Futtermittel mit erhöhtem Proteingehalt haben drei wesentliche Vorteile:
a) Sie lenken den Gewichtsverlust zu Lasten des Körperfetts und
    nicht zu Lasten der Muskulatur
b) Sie ermöglichen eine Reduzierung der Nettoenergiezufuhr
c) Sie haben einen Effekt auf den Appetit und die Sättigung

Das sind drei gute Gründe die Entwicklung dieser neuen Diäten voranzutreiben.

a) Erhaltung der fettfreien Körpermasse
Bei einer Reduktionsdiät geht fast ein Drittel des Gewichtsverlustes zu Lasten der Muskelmasse des Tieres. Das Team von Dr. Marianne Diez von der Universität Lüttich hat vor und nach einer Diät die Körperzusammensetzung bestimmt. (Methode des deuterisierten Wassers, das im hydrophilen Kompartment des Organismus bleibt). Sie konnten so nachweisen, dass eine proteinreiche Diät beim Hund den Verlust an fettfreier Körpermasse (d. h. Muskulatur) im Vergleich zu einer klassischen Diät um 30 % verringert (Diez, 2002) (Abb. 2)

 

Abbildung 2

b) Reduzierung der Nettoenergiezufuhr
Die als Energiequelle verwendeten Proteine liefern eine geringere Energieausbeute als Kohlenhydrate, weil Aminosäuren vor ihrem Eintritt in den Krebs-Zyklus (Citrat-Zyklus) zunächst dekarboxilliert und desaminiert werden müssen. Beide Prozesse verbrauchen Energie.

 

Abbildung 3

Der Organismus muss anschließend weitere Energie aufwenden, um Stickstoffradikale (NH4+) in Form von Harnstoff zu eliminieren. Dieser Energieverbrauch ist bei der Berechnung der metabolisierbaren (umsetzbaren) Energie mit berücksichtigt. Die metabolisierbare Energie wird auf Futtermitteletiketten angegeben. Zwischen der umsetzbaren Energie und der tatsächlich für die Zelle verfügbaren Energie (in Form von ATP) besteht jedoch eine nährstoffabhängige Diskrepanz. Bei Proteinen kommt es zu einem erheblichen Energieverlust. Die Nettoenergie eines Proteins hängt von seiner Aminosäurenzusammensetzung (Abbildung 4) und dem Ort ihres Eintritts in den Krebs-Zyklus ab.

 

Abbildung 4

Im Mittel liefert ein Gramm Protein 30 % weniger Nettoenergie als ein Gramm Stärke, bei equivalenter umsetzbarer Energie beider Nährstoffe! (Tabelle 2).

 

Tabelle 2

c) Sättigungseffekt

Beim Menschen hängt das Sättigungspotenzial der Proteine von ihrer Aminosäurenzusammensetzung ab (Louis-Sylvestre 2002). Wahrscheinlich gilt dies auch für den Hund. Der Effekt der Proteine auf die Appetenz konnte am Forschungszentrum von ROYAL CANIN klar gezeigt werden. Ihr Effekt auf die Sättigung muss noch untersucht werden.

 

Abbildung 5

5/ Vorbeugung der begleitenden Risiken

Es ist eindeutig nachgewiesen, dass Adipositas zahlreichen anderen Erkrankungen den Weg bereitet. In einer von Jan Scarlett 1998 veröffentliche Studie über 1500 Katzen stellte sich heraus, dass vier Erkrankungen bzw. Symptomenkomplexe bei adipösen Tieren gehäuft auftreten: Erkrankungen des Bewegungsapparates (Lahmheiten), Diabetes (siehe Abbildung 6), dermatologische Probleme (hochgradig adipöse Tiere sind nicht zur Körperpflege in der Lage) und Diarrhoe (bulimische Katzen überschreiten ihre enzymatischen Kapazitäten). Hinzu kommt das erhöhte Risiko einer hepatischen Lipidose bei adipösen Katzen, die fasten.

 

Abbildung 6

Beim Hund kommen respiratorische und kardiovaskuläre Risiken hinzu. Schließlich kompliziert eine Adipositas bei Hund und Katze die Arbeit des Tierarztes, insbesondere bei der Durchführung einer Anästhesie oder eines chirurgischen Eingriffs (Wundheilungsstörungen, Immundefizite…).

Bei der Entwicklung von Diäten zur Reduzierung des Körpergewichts werden heute die neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt: Chondroitin und Glukosamin sind bekannt für ihre chondroprotektiven Effekte. Bestimmte lösliche Fasern wie Psyllium haben eine glukomodulatorische Wirkung (siehe Kapitel Diabetes), die ebenfalls zum Vorteil des Patienten genutzt werden kann. Schließlich hat ein synergistischer Antioxidanzien-Cocktail (Vitamin E, Vitamin C, Taurin, Lutein) einen immunstimulatorischen Effekt (siehe Kapitel 1) und verzögert den Prozess der Alterung.

 

6/ Aspekte des Verhaltens

Es gilt als erwiesen, dass die Energieaufnahme einer Katze höher ist, wenn sie gleichzeitig Zugang zu Trockenfutter und Feuchtfutter hat (Mugford, 1977). Katzen sollten deshalb nach Möglichkeit ausschließlich mit Trockenfutter ernährt werden.

Wie oben erwähnt wird die Behandlung der Adipositas bei der Katze durch eine interessante und katzengerechte Gestaltung ihrer Umgebung und durch die Aufklärung des Besitzers über die wichtigsten Missverständnisse erheblich erleichtert.

 

Schlussfolgerung

Die diätetische Behandlung der Adipositas hat sich heute von ihren traditionellen Konzepten hin zur Anwendung proteinreicher Diäten weiterentwickelt. Diese Diäten führen nicht nur zu einer einfachen Beschleunigung der Gewichtsreduktion sondern sind durch den verhältnismäßig höheren Fettverlust effizienter und erleichtern damit ihre praktische Durchführung.

Literatur

Armstrong, D.B., Dunlin, L.I., Wheatley, G.H. and Marks, H.H. (1951). Obesity ad its relation to health and disease. J. of the Am. Med. Ass. 147 1007-1014

Butterwick, R.F., Markwell, P.J. and Thorne, C. (1994) Effect of level and source of dietary fibre on food intake in dog. Journal of Nutrition 121 2695-2700

Diez, M., Nguyen, P., Jeusette, I., Devois, C., Istasse, L, Biourge, V. Weight Loss In Obese Dogs – Evaluation of a High Protein and Low Carbohydrate Diet; J Nutr 2002 Jun; 132.

Fisler, J.S. (1992). Cardiac effects of starvation and semi-starvation diets: safety and mechanism of action. Am. J. Clin. Nut. 56 230-234

Liberg, O. 1982. Hunting efficiency and prey impact by a free roaming house cat population. Trans. Internat. Congr. Game Biol. 14: 269-275.

Liberg, O. (1984). Food habits and prey impact by feral and house-based domestic cats in a rural area in southern Sweden. Journal-of-Mammalogy. 1984, 65: 3, 424-432

Louis-Sylvestre, J. Toutes les protéines ont-elles le même pouvoir satiétogène ? Cah. Nutr. Diét., 37, 5, 2002

Mugford, R.A. 1977: External influences on the feeding of carnivores. In: the chemical senses and nutrition Kare, MR & Maller, O eds. Academic press, New York, 25-49

Muller, G., Dehasse, J., Heath, S., Schubert, A. Feline Obesity : a behavioural approach – ROYAL CANIN’s Guide 2002

Nguyen, P. and al. Dietary protein level affects protein metabolism during the postabsorptive state in dogs. J Nutr 132 : 1676S-1678S, 2002.

Scarlett, J. and coll. JAVMA Vol. 212, N°11 June 1, 1998

 

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