Die diätetische Behandlung von Verdauungsstörungen bei Hunden und Katzen besteht in erster Linie in der Gabe mengenmäßig reduzierter Rationen mit sehr leicht verdaulichen Nährstoffen.
Im Gegensatz zu der in der Humanmedizin üblichen Praxis hat eine fettreiche, mit sogenannten " Nutraceuticals " angereicherte und über einen ausreichend langen Zeitraum verordnete Diät bei Hund und Katze bei den meisten Verdauungsstörungen einen sehr günstigen Einfluss.
Bei einigen wenigen Erkrankungen des Verdauungsapparates sollten Diäten mit sehr geringem Fettgehalt (5 %) und reduziertem Nahrungsfaseranteil eingesetzt werden.
Darmerkrankungen erfordern also ein zweigleisiges diätetisches Behandlungskonzept.
Erkrankungen des Magendarmtraktes gehören zu den drei häufigsten Gründen für den Besuch einer tierärztlichen Praxis. LUND, 1999
Die anfälligsten Rassen sind der Deutsche Schäferhund, der Irish Setter und der West Highland White Terrier. In der Katzenpopulation wird eine erhöhte Prävalenz bei Siamkatzen beobachtet. PURDUE, 1999
Die wichtigsten Krankheiten sind die chronische Diarrhoe, die chronische Darmentzündung (IBD, inflammatory bowel disease), das Malassimilationssyndrom, die Kolitis, die bakterielle Überwucherung des Dünndarms und die exokrine Pankreasinsuffizienz (EPI). Die genaue Ätiologie kann allerdings nicht in jedem Fall ermittelt werden.
Die chronische Diarrhoe (chronisch = länger als zwei Wochen andauernd) basiert auf einer Störung der Sekretion und der Absorption von Flüssigkeiten im Bereich der Darmschleimhaut. Vor der Einleitung von Behandlungsmaßnahmen muss zunächst ermittelt werden, ob der Ursprung der Diarrhoe im Dünndarm oder im Dickdarm liegt.
| Symptome | Dünndarmdiarrhoe | Dickdarmdiarrhoe |
| Abmagerung | Häufig | Selten |
| Polyphagie | Häufig | Selten |
| Erbrechen | Gelegentlich | Selten |
| Kotvolumen | Erhöht | Verringert |
| Defäkationshäufigkeit | normal bis leicht erhöht | stark erhöht |
| Steatorrhoe | Gelegentlich | Nein |
| Melaena | Gelegentlich | Nein |
| Schleim | Selten | Häufig |
| Tenesmus | Gelegentlich | Häufig |
Tabelle 1. Unterscheidung zwischen chronischer Dünndarm- und Dickdarmdiarrhoe.WILLARD, 1996
Mögliche Ursachen einer überschießenden Bakterienproliferation im Dünndarm sind eine schwache Darmmotilität, die Retention des Darminhaltes, die Reduzierung der Magenazidität, ein Mangel an Pankreassekret oder Futtermittelrückstände. Die Kolitis (Entzündung des Kolons oder Rektums) ist gekennzeichnet durch Tenesmus, Flatulenz, Fäzes mit hämorrhagischen Spuren und Schmerzen im Bereich des Abdomens.
Die klassischen Diätfuttermittel für Tiere mit Diarrhoe haben einen reduzierten Fettgehalt. Grundlage hierfür ist eine aus der Humanmedizin übernommene Theorie, nach der im Falle einer Erkrankung des Verdauungsapparates Bakterien die Gallensalze zerstören und damit die Assimilation der Fette beeinträchtigen. In der Praxis wird jedoch festgestellt, dass sich Verdauungsstörungen bei zahlreichen Katzen und Hunden bei Gabe hochverdaulicher Futtermittel mit einem Fettgehalt von über 20 % bessern.
Die Ernährung eines Tieres, das unter Verdauungsstörungen leidet, hat zum Ziel, die Verdauungsfunktionen wiederherzustellen. Zum einen geschieht dies, indem das Tier mit Nährstoffen versorgt wird, die der Dünndarm sehr leicht assimilieren kann, zum anderen indem die mikrobielle Flora des Kolons mit sämtlichen für die Wiederherstellung ihres Gleichgewichts benötigten Nährstoffen ausgestattet wird.
A. Eine konzentrierte Nahrung reduziert die Volumenbelastung
Um den enzymatischen Aktivitätsverlust des intestinalen Bürstensaums zu kompensieren, werden Futtermittel mit konzentriertem Gehalt an hochverdaulichen Nährstoffen, also hoher Energiedichte (d. h. fettreich) eingesetzt. Nur so gelingt es, das Volumen der Futterrationen zu begrenzen und die Überlastung des Darms mit Nährstoffen entscheidend zu reduzieren.
B. Nährstoffe mit höherer Verdaulichkeit
a) Fette
Fette haben zahlreiche Vorteile bei Darmerkrankungen.
Sie verlangsamen die Magenentleerung und verzögern die Verdauung.
Fette haben eine Verdaulichkeit von über 90 % und gehören damit zu den am besten verdaulichen Nährstoffen. DEBRAEKELEER, 2000 Messungen der Verdaulichkeit zeigen, dass ein gesunder Hund eine Fettaufnahme von bis zu 60 % gut verträgt. WESTERMARCK, 1995 Zudem wird die Aktivität der Pankreaslipasen nicht überfordert. In der Tat werden auch bei vollständigem Fehlen von Pankreasenzymen mindestens 50 % der Nahrungsfette absorbiert. Strombeck, 1996
Katzen mit Diarrhoe vertragen fettreiches Futter besser als Futter mit hohem Kohlenhydratgehalt. SCHERDING, 1989
Die Zufuhr von Fett in Form von kurz- und mittelkettigen Triglyzeriden – z. B. Koprah-Öl – hat einen Spareffekt auf Gallensalze. Kurz- und mittelkettige Fettsäuren werden schnell verdaut, sind leicht zu transportieren und zu metabolisieren; sie werden nur in geringem Maß in das Fettgewebe eingebaut.
b) Kohlenhydrate
Reis als Stärkequelle verbessert die Verdaulichkeit der Trockenmasse, der Proteine und der Fette BELAY, 1997
Aufgrund seines Gehaltes an Stärke mit wenig verzweigter Struktur (Amylopektin) und deshalb höherer Verdaulichkeit sowie seines sehr geringen Nahrungsfasergehaltes (< 2%) hat Reis eine maximale Verdaulichkeit und reduziert das Kotvolumen. Fein geschrotete oder gemahlene Cerealien sind leichter zugänglich für Verdauungsenzyme.

A/ Reduzierung der Belastung des Kolons mit unverdaulichen Proteinen
Die Wahl der Protein- und Stärkequellen hat einen entscheidenden Einfluss auf die Verträglichkeit des Futtermittels. Biologisch hochwertige und sehr leicht verdauliche Proteine, wie z. B. ein Sojaproteinisolat (Verdaulichkeit > 95 %), begrenzen die Zufuhr unverdaulicher Proteine zum Kolon und damit unerwünschte Fäulnisprozesse, die für Störungen des mikrobiellen Gleichgewichts verantwortlich sind.
B/ Fasern
Nicht fermentierbare Fasern haben eine regulatorische Wirkung auf die Darmpassage, sie stellen aber kein Energiesubstrat für die Bakterienpopulation im Dickdarm dar. Im Unterschied hierzu sind die im Dünndarm nur teilweise abgebauten fermentierbaren Fasern (z. B. aus Zuckerrübenmark) ein Substrat der Wahl für die Dickdarmbakterien, die sie zu flüchtigen Fettsäuren (FFS) abbauen. FFS haben eine trophische Wirkung auf die Darmschleimhaut. HOWARD, 1999 Fermentierbare Fasern tragen darüber hinaus zur Regulation der Motilität des Verdauungstraktes bei.

C/ Zufuhr von Nährstoffen mit Tropismus für den Darm
Eine medikamentöse Behandlung ohne begleitende diätetische Maßnahmen verlangsamt im besten Fall den Rückgang der klinischen Symptome, im schlechtesten Fall führt sie zu einer Verstärkung ihrer Intensität. Die Grundzusammensetzung der Diät liefert die Energie und essenzielle Nährstoffe. Optimiert wird sie durch den Zusatz von Nährstoffen, die eine positive Wirkung auf den Dünndarm und gleichzeitig auf das Gleichgewicht der mikrobiellen Flora haben. Diese sogenannten Nutraceuticals mit Tropismus zum Darm bekämpfen die mikrobielle Verunreinigung des Darms, ernähren und schützen die Darmschleimhaut und tragen zur Regulation der Motilität des Verdauungstraktes bei.
Zeolith, ein mineralisches Tonerdeprodukt mit tetraedrischer Struktur, besitzt eine sehr große interaktive Oberfläche – mehrere hundert Quadratmeter pro Gramm – und absorbieren Bakterientoxine, Gase (NH3), Gallensäuren so wie überschüssiges Wasser im Darmlumen. Zeolithe bilden einen Schutzfilm auf der Darmschleimhaut.
Die Fruktooligosaccharide (FOS) werden sehr schnell von der Darmflora fermentiert. Sie fördern das Wachstum der nützlichen Flora (Laktobazillen, Bifidobakterien) und hemmen die Proliferation pathogener Keime (E. coli, Clostridien) SPARKES, 1998 Laktobazillen setzen die Vitamine B1, B6 , B2, PP (Nicotinamid) und ein antibakterielles Peptid mit Wirkung gegen Enterobakterien frei. FOS haben eine fördernde Wirkung auf die Verdauung und die Absorption von Nährstoffen.
Die Mannanoligosaccharide (MOS), Extrakte aus Hefezellwänden, haben eine doppelte Wirkung auf die Gesundheit des Verdauungstraktes.
Sie begrenzen zum einen die Entwicklung potenziell pathogener Bakterien durch kompetitive Hemmung der Bindungsstellen auf der Darmschleimhaut HARMON 1999 Dadurch können pathogene Bakterien die Enterozyten weder erreichen noch sich an sie heften, und werden mit den Fäzes ausgeschieden.

Zum anderen stimulieren MOS die lokale Immunität im Verdauungstrakt und erhöhen die Menge des lokalen IgA im Bereich der Schleimhaut. Ferner erhöhen MOS die Population der neutrophilen Granulozyten, die für die unspezifische Abwehr verantwortlich sind. O'CARRA, 1997
Die essenziellen Fettsäuren aus der Ω3-Familie, insbesondere EPA und DHA, die in hohen Konzentrationen in Fischöl vorkommen, stimulieren die Durchblutung der Lamina propria und steigern die Absorption von Nährstoffen und den Transport von Stoffwechselprodukten in Richtung des Portalsystems. Dadurch wirken sie dem Prozess der Malabsorption entgegen. Omega-3-Fettsäuren wirken kompetitiv gegen die aus Arachidonsäure entstehenden Entzündungsmediatoren und aktivieren auf diese Weise die Bildung entzündungshemmender Mediatoren.

1/ Vorteile eines Futtermittels mit 20 %igem Fettgehalt
Eine klinische Studie Bourgeois, 2002 zeigt den Einfluss eines Futtermittels mit hohem Gehalt an hochverdaulichen Fetten auf die Entwicklung der klinischen Symptome. Die Studie wurde mit 12 Hunden mit bestätigter Diagnose (Biochemie, Endoskopie, Histologie) chronischer Magendarmerkrankungen (EPI, IBD, bakterielle Überwucherung des Dünndarms, akute oder chronische Gastritis) durchgeführt.
Im Rahmen einer Verlaufsuntersuchung wurden Appetitänderungen, Häufigkeit von Erbrechen und Flatulenz, Entwicklung des Körpergewichts, Kotbeschaffenheit (flüssig = 1, hart = 5) und körperlicher Allgemeinzustand 15 und 30 Tage nach Beginn der diätetischen Therapie bewertet. Die Beobachtungen zeigen die kurzfristigen Vorteile einer fettreichen Diät für den Appetit, die Gewichtszunahme und den Rückgang der klinischen Symptome (Diarrhoe, Erbrechen…). Die Langzeitbehandlung mit dieser Diät, kombiniert mit einer symptomatischen Therapie, begünstigt die Erhaltung eines guten körperlichen Allgemeinzustandes in Phasen eines Rezidivs.
Acht Hunde mit bestätigter Diagnose (Biopsie) einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung erhielten eine Diät mit hohem Fettgehalt (19%) und einer einzigen Proteinquelle, einem Hydrolysat eines Sojaproteinisolats. In der vierwöchigen Einleitungsphase erhielten die Probanden außer der Diät keine weitere Behandlung. Die Beurteilung der klinischen Symptome und der pathologischen Darmveränderungen (Endoskopie) ergab eine Verbesserung der Kotbeschaffenheit (bei 8 Hunden), eine Normalisierung der Darmbewegungen (bei 6 Hunden) und einen Rückgang der Infiltration der Darmschleimhaut (bei 2 Hunden). DOSSIN, 2002

In einer Multizenter-Studie VAN POTTELBERGE, 2002 erhielten 25 Tiere (14 Hunde, 11 Katzen) mit aparasitärer chronischer Diarrhoe (persistierend oder intermittierend) über einen Zeitraum von 30 Tagen eine Diät auf der Basis eines hydrolysierten Proteins.
Die Ergebnisse zeigen die vorteilhafte Wirkung dieser hochverdaulichen Nährstoffe auf die Entwicklung der klinischen Symptome. Die Kotbeschaffenheit hatte sich am Ende der Studie bei allen Hunden und Katzen (23 Tiere) verbessert.
Bestimmte Erkrankungen wie Pankreatitis, Lymphangiektasie (ausgeprägte Dilatation des intestinalen Lymphgefäßnetzes) oder exsudative Enteropathie, die durch eine Störung der Fettabsorption gekennzeichnet sind, erfordern obligatorisch eine Diät mit möglichst geringem Fettgehalt und reduziertem Faseranteil.
Im Fall einer Pankreatitis muss die Freisetzung von Pankreasenzymen durch eine strikte Einschränkung der Fettzufuhr verhindert werden. Fettsäuren stimulieren Schleimhautrezeptoren, die Cholezystokinin, einen starken Stimulator der Pankreassekretion, freisetzen. MARKS, 1999
Die Entscheidung für eine fettreiche (20 %) oder fettarme (5 %) Diät hängt von der Ursache der Magendarmstörungen und vom körperlichen Allgemeinzustand des Tieres ab.
Diäten mit hohem Fettgehalt sind schmackhafter und bieten die Möglichkeit, kleine, konzentrierte Rationen zu füttern; sie werden von den meisten Hunden und Katzen mit Erkrankungen des Verdauungstraktes gut vertragen.
Diäten mit geringem Fettgehalt und reduziertem Faseranteil sollten Patienten mit Pankreatitis oder Lymphangiektasie vorbehalten werden.
Nutraceuticals mit Tropismus zum Darm unterstützen die schnelle Wiederherstellung der Verdauungsfunktion.
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