Ursprünglich haben sich Tier- und Humanmedizin in den gleichen Bahnen entwickelt. Mediziner praktizierten lange Zeit in beiden Disziplinen.
In der Antike stützte sich die Medizin auf ihr empirisches Wissen und auf die Botanik; ihr haftete der Mythos geheimnisvoller Kräfte an. Bei den Methoden wurde nicht wirklich zwischen solchen für den Menschen und solchen für das Tier unterschieden. Und doch fand man bei den Ägyptern auf einem Papyrus aus dem Jahr 1750 v.Chr. Spuren einer eigens auf Tiere ausgerichteten Wissenschaft, es handelt von der Augenheilkunde für das Tier. An den Mauern der Grabstätten finden sich Fresken, die das Kalben sowie die Pflege der Rinderhufe darstellen. Es scheint sogar, dass sich in einer bestimmten Kaste Tiermediziner zusammengefunden haben. Natürlich kamen die neusten Erkenntnisse jener Zeit in erster Linie den heiligen Tieren zugute.
Die Griechen waren die ersten, welche die medizinische Wissenschaft entscheidend vorangetrieben haben. Um 400 v.Chr. entwickelte Hippokrates eine pragmatische Medizin mit Befragung und systematischer Untersuchung der Kranken. Auf ihn sollen auch die ersten verschriebenen Arzneimittel zurückgehen. Platon, Herophilos und Galienus traten später in seine Fußstapfen. Jeder von ihnen widmete sich der Beschreibung der Krankheiten von Menschen und manchmal auch von Tieren. Hippokrates beispielsweise befasste sich mit Gehirnstörungen bei Rindern und Schafen. Aber erst durch Aristoteles entstand eine systematische Lehre der Tierpathologie. Er hat die bekanntesten Erkrankungen beschrieben: Tollwut, Schweinerotlauf, Pferdekoliken. Er beschäftigte sich sogar mit Elefanten. Seine Erkenntnisse und Aufzeichnungen dienten an der berühmten Schule für Medizin in Alexandria als Arbeitsgrundlage.
Während der ganzen Antike wurden die Bestrebungen, die Tiermedizin voranzutreiben, hauptsächlich von der Bedeutung der militärischen Kavallerie bestimmt, die das notwendige Instrument für die großen Eroberungszüge der damaligen Zeit darstellte. Hinzu kamen die häufigen Epidemien, welche die Viehherden dezimierten. Es wurden Texte gefunden, die von der Rinderpest in Griechenland sowie im byzantinischen Reich berichten.
Das Mittelalter brachte einen Niedergang der Wissenschaften mit sich, die Tiermedizin war davon nicht ausgenommen. Instrumente und Methoden wurden kaum weiter entwickelt.
Aderlass, Klistiere, Verätzungen, Punktionen, Essig und Salz gehörten wieder zu den empfohlenen Behandlungsmethoden. Nur die Araber verstanden es, auf der Grundlage der Werke von Hippokrates und Galienus ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse voranzutreiben. Sie entwickelten verschiedene Skalpell-Arten sowie Methoden zur Fixierung von Knochenfrakturen bei Pferden.
In allen Fällen schenkte man den Pferden im Kriegseinsatz besondere Aufmerksamkeit, an erster Stelle stand dabei die Kunst des Hufbeschlags. Für Kreuzzüge, interne kriegerische Auseinandersetzungen und Pferdeturniere brauchte man Metallbeschläge, und es war keine Seltenheit, dass die Pferde nach einem Kampf einem Chirurgen und anderen angehenden Medizinern vorgeführt wurden. Übrigens wurde die medizinische Kunst zu jener Zeit von Ordensbrüdern ausgeübt. Doch wurde den Mönchen das Studium der Anatomie bald von den hohen Kircheninstanzen untersagt und die medizinischen Schriften aus der Antike auf den Index gesetzt.
Das Mittelalter wurde wie keine andere Epoche von Epidemien heimgesucht. Aberglaube und die Macht der Kirche haben eine große Zahl von Intellektuellen davon abgehalten, sich mit diesen Phänomenen zu befassen. Für die Kirche waren sie ein Symbol der Gottesstrafe.
In dieser finsteren Zeit kamen satanische Praktiken im Zusammenhang mit Tieren auf, und es war nicht ratsam, Katzen und Vögel zu pflegen.
Schließlich vermochte sich die Vernunft durchzusetzen, und im 12. Jahrhundert öffneten die ersten medizinischen Fakultäten ihre Pforten. Pathologie, Anatomie und Physiologie der Tiere wurden häufig mit den Verhältnissen beim Menschen verglichen und behandelt. In der Tiermedizin galt die Unterteilung zwischen Weidetieren und Pferden. Von dem Italiener Giordano Rufo stammen die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zur Behufung und zur Medizin des Pferdes sowie zu Methoden chirurgischer Eingriffe (1250 n.Chr.).
In der Renaissance konnte ein weiterer Schritt nach vorne unternommen werden. Das Studium der Anatomie wurde nahezu mit Besessenheit betrieben. Die großen Schriftgelehrten und Denker interessierten sich dafür, allen voran Leonardo Da Vinci. Natürlich galt das Hauptaugenmerk auch hier dem Pferd. Die zu dieser Zeit entwickelten Sezierinstrumente wurden bis ins 19. Jahrhundert verwendet.
Im Jahre 1650 erfand Marcello Malpighi das moderne Mikroskop; die dadurch gewonnenen Erkenntnisse aus dem Studium der Zellen und Gewebe trugen zu einer Vertiefung der medizinischen Wissenschaft bei. Zur gleichen Zeit schrieb ein maltesischer Ritter namens Ludwig Melzo das erste Buch, in dem sämtliche Pferdekrankheiten erfasst sind. Unter anderem finden sich in dem Werk Abbildungen von Instrumenten, die zur Behandlung notwendig waren: Spritzen, Maulstifte und Pinzetten. Diese Arbeit diente viele Jahrzehnte lang als Nachschlagewerk. Wiederum fällt die vorrangige Stel-lung des Pferdes in der Forschung auf.
Im Zeitalter der Aufklärung gewannen wissenschaftliche Denkansätze an Bedeutung. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entstand der Plan, ein eigenes Bildungsinstitut für Veterinärmedizin zu schaffen. Erstmals wurde dieser Gedanke in Frankreich in die Tat umgesetzt.
Im Jahr 1761 wirkte Claude Bourgelat, einer der anerkanntesten Pferdeexperten in ganz Europa, an der königlichen Akademie in Lyon, wo Reitkunst, der Gebrauch von Waffen sowie Musik und Mathematik gelehrt wurde. Das Hauptinteresse Bourgelats galt der Anatomie und Pathologie des Pferdes, und so arbeitete er an den Grundlagen für eine tiermedizinische Lehre, welche die Erhaltung und Verbesserung der Art sowie den Schutz der Viehherden vor Seuchen ermöglichen sollte. Es gelang ihm, den Generalschatzmeister Bertin zu überzeugen, ihm die Mittel für die Errichtung des ersten veterinärmedizinischen Bildungsinstituts in Lyon zur Verfügung zu stellen. So kam es im Februar 1762 zur Gründung der „École de la Guillotière".
Im Gegensatz zu damals üblichen Lehrformen an den Universitäten standen in der Veterinärausbildung praktische Überlegungen, Beobachtungen, Handgeschick und visuelles Gedächtnis im Vordergrund. Die Studenten nahmen von Beginn an Untersuchungen und klinische Eingriffe an Tieren vor. Schon bald zog dieses erste Bildungsinstitut ausländische Studenten an, seine Vorreiter-rolle in der Veterinärmedizin fand allgemeine Anerken-nung. 1764 wurde das Institut in „École royale vétérinaire" (königliche Hochschule für Tiermedizin) umbenannt.
1765 gründete Bourgelat das tiermedizinische Institut in Alfort. Es ist das älteste Institut der Welt, insofern als es sich bis heute an seinem ursprünglichen Standort befindet. In der Folge entstanden zahlreiche Einrichtungen in ganz Europa: 1769 in Turin, 1777 in Wien, 1778 in Hannover, 1780 in Dresden und 1792 in London. Diese Entwicklung war Bourgolets Schülern zu verdanken.
Die tiermedizinische Lehre entwickelte sich nach Maßgabe der allgemeinen wissenschaftlichen Errungenschaften weiter. Allmählich trat neben der reinen Lehre auch die Forschung in den Vordergrund. Die Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizinern ermöglichte es, zahlreiche Krankheiten zu bekämpfen. Erwähnenswert sind die Leistungen des Tierarztes Henry Bouley und Louis Pasteurs im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Milzbrand, die Arbeiten von Camille Guérin und dem Mediziner Albert Calmette zur Entwicklung des Tuberkuloseimpfstoffes, sowie von Auguste Ramon, der die Anatoxine für den Tetanus- bzw. Diphterie-Impfstoff entdeckte.
Die verbesserten medizinischen und chirurgischen Methoden der Gegenwart kommen auch der Tiermedizin zugute. Ultraschall und Endoskopie sind heute Teil der täglichen Praxis und sogar die Szintigraphie wird bei Tieren eingesetzt. In der gegenwärtigen tiermedizinischen Forschung ist man bestrebt, die Behandlungsmethoden zu verbessern. Die veterinärmedizinischen Errungenschaften leisten darüber hinaus auch einen Beitrag zum Fortschritt in der Humanmedizin.