Aggression ist im Vokabular der Verhaltensforschung definiert als "physischer Akt oder Drohverhalten eines Individuums gegen ein anderes, mit der Folge der Einschränkung seiner Freiheit und seines genetischen Potentials." Es lassen sich mehrere Arten von Aggressionsverhalten unterscheiden: Beuteerwerbsaggression, Dominanzaggression, irritationsinduzierte Aggression, territoriale und mütterliche Aggression sowie die angstinduzierte Aggression. Mit Ausnahme der Beuteerwerbsaggression und der angstinduzierten Aggression sollte unbedingt immer eine komplette Verhaltenssequenz ablaufen. Eine Verhaltenssequenz besteht aus drei Phasen. Einer Droh- oder Einschüchterungsphase (Knurren, gesträubtes Fell, Rute und Ohren hochgestellt, Lefzen zurückgezogen), einer Angriffsphase, während der der Hund seinen Gegner stürmisch angreift und versucht, ihn im Genick, bei der Brust oder bei den Vorderläufen zu packen. Er versucht, ihn zu Fall zu bringen und am Boden zu halten, bis der Andere eine Unterwerfungshaltung einnimmt.

Dann kommt die Phase der Beschwichtigung. Der Sieger knabbert dem besiegten Hund am Kopf, setzt ihm die Pfote auf den Widerrist oder er reitet auf. Der Angriff variiert, je nachdem, welche Rangordnung bereits zwischen den beiden Hunden existiert. Ist der angreifende Hund dominant, wird der zugefügte Biss nur kurz sein, dann folgt wieder eine Droh- oder Einschüchterungsphase.
Ist jedoch der angreifende Hund in einer Konkurrenzsituation, wird er nicht loslassen, bis sein Gegner den Kampf aufgibt und sich unterworfen hat. Ist die Sequenz komplett, spricht man von reaktiver Aggressivität. Fehlen jedoch die Droh- oder Einschüchterungsphase und die Phase der Beschwichtigung, so handelt es sich um instrumentalisierte Aggressivität oder um sekundäre Hyperaggressivität.
Im Alter von drei Monaten gewinnt der junge Hund die Gewissheit: Der Mensch ist sein Freund. Aber das geschieht nicht instinktiv!
Wie immer seit Beginn der Domestikation ergreift der Mensch die Initiative. Gewöhnt daran, den ersten Schritt zu tun, streckt er die Hand aus zum neugeborenen Welpen, dessen Geruch-sempfinden inzwischen erwacht ist, der bereits taktile Fähigkeiten besitzt und auch schon saugen kann. Der junge Hund schnüffelt an der Hand des Menschen, testet, wie sie sich anfühlt, und leckt daran, um zu erfahren, wie sie schmeckt. Er genießt die Wärme, die diese Hand ausstrahlt (er selbst erreicht seine endgültige Körpertemperatur erst mit 10 Lebenstagen). Er überlässt sich völlig der Handfläche oder schmiegt sich in den Handteller, glaubt, das sei der Körper eines seiner Geschwister. Bis zur dritten Lebenswoche kennt der Welpe keinerlei Angst und der Mensch flößt ihm absolutes Vertrauen ein. Die Hand ist das erste Bindeglied zwischen dem Hund und uns. Jeden Tag atmet er beim Wiegen diesen besonderen Geruch ein und schnüffelt mit der Nase daran, wie er es auch bei der nährenden Zitze macht. Aber die Hand des Menschen ist nicht das einzige Element, das er entdeckt. Da ist auch die Stimme des Halters, die der Welpe ab dem 21. Lebenstag, dem Beginn der Sozialisation, hört. Eine komplette Multimedia-Show! Wenn der Welpe diese sanfte und warme Hand zum ersten Mal in ihrer Farbe und ihrer Form siehtü ist er 17 Tage alt. Das ist genau das Alter, in dem die konditionierten Kommunikationsreflexe des Welpen die ersten sozialen Interaktionen auslösen. Der Welpe reagiert beim Menschen wie bei seiner Mutter. Noch unter dem Eindruck der vegetativen Phase benutzt er seine Stimme ? er bellt mit 10 Tagen, hört aber sein eigenes Kläffen erst ab der 3. Lebenswoche ? um den Halter für seine Wehwehchen zu sensibilisieren. Er winselt, und der Mensch fühlt sich gerufen. Das ist seine beste Waffe, die Verführungsmethode Nummer eins. Und der Mund? Leckt das Junge seine Mutter in den Winkeln ihrer Lefzen, als wolle es sie dazu bringen, Nahrung hervorzuwürgen, so ist auch das ein Zeichen der Unterwerfung und der Besänftigung. Der Hund, der seinem Menschen das Gesicht leckt, betrachtet dies als Freundschaftserklärung. Während der Welpe sich mehr und mehr die Regeln des Rudellebens assimiliert (zwischen der 4. und 7. Lebenswoche), wendet er auf den Menschen dieselben Kommunikations-Codes an und lässt sich dabei vom Rangordnungsschema leiten, bei dem es immer einen Dominanten und einen Rangniedrigen gibt. Mit 6 Wochen muss die Bindung fester geknüpft werden. Die Eroberung ist noch nicht vollendet. Die Angst vor dem Menschen stellt sich ein. Eine Reaktion, die man schon vorausgeahnt hat, als der junge Canide im Alter von 25 Tagen angesichts einer unbekannten Hand zurückwich. Angriffs- oder Rückzugsreflex, erschüttertes Vertrauen, usw. Die Sozialisierung scheint sich wieder aufzulösen. Das Spiel ist noch nicht gewonnen. Hier muss der Mensch, um sich die Freundschaft des Hundes zu sichern, großes psychologisches Geschick beweisen. Auf keinen Fall die Stimme erheben! Keine abrupten Bewegungen! Die Hand, die den ersten Kontakt hergestellt hat, muss auch freigebig streicheln. Das Schicksal des Hundes liegt in den Händen des Halters. Jetzt wird der junge Hund, auch wenn der Mensch sich entfernt hat, nicht mehr zweifeln. Er ist zehn bis zwölf Wochen alt. Die Freundschaft zwischen ihm und dem Menschen wird unverbrüchlich.
Brigitte Bullard-Cordeau
Ist das Bellen einfach ein Schrei?
Das Bellen umfasst verschiedene Laute und ebenso viele zu entschlüsselnde Botschaften. Ganz jung winselt der Welpe aus einer Vielzahl von Anlässen: Er friert, hat Schmerzen, ist ganz allein oder möchte seine Notduft entrichten. Ständig ruft er seine Mutter zu Hilfe, stößt kleine Notschreie aus und miaut zur Abwechslung auch einmal. Manchmal stößt er kleine spitze Schreie aus, dann brummt er? vor Zufriedenheit!
Sobald er bellen kann, mit kaum acht Tagen, gibt er Lautäußerungen von sich, beklagt sich, winselt, protestiert. Welpen besitzen ihre eigenen Passwörter. Mit 9 Tagen erreicht der Lärm sein Höchstmaß, aber dann ist plötzlich alles anders: Zum ersten Mal bellt der junge Hund.
Je größer er wird, desto öfter gibt er Laut. Er ändert den Ton, indem er mit der Dauer, der Frequenz, dem Volumen, dem Rhythmus spielt. Er faucht und klappert mit den Zähnen und überlagert damit das klassische Wuff! Wuff! Winseln, Brummen, Maunzen, Kläffen, Knurren, Heulen, Hüsteln? was für ein Repertoire! Vom Bellen ganz zu schweigen, dem grollenden, heulenden, kläffenden Bellen – einfach genial abgemischt!
Dieses Konzert ist nicht umsonst. Das ist weder ein einfacher Schrei noch eine Drohung, wie man glauben möchte. Wenn ein Hund beim Besuch eines Fremden bellt, zur Warnung, aber auch, um ihn einzuschüchtern und sich selbst Mut zu machen, drückt er einen Wunsch aus: dass andere Hunde ihm zu Hilfe kommen mögen, wie in alten wilden Zeiten. Das Heulen dient als Orientierungshilfe. Und ist auf jeden Fall eine sehr ansteckende Art sich auszudrücken. Heult ein Hund sich im Winter, im Zwielicht, die Seele aus dem Leib, dann will er beruhigt werden. Er wünscht sich, dass ein anderer Hund, einige hundert Meter von ihm entfernt, auf seine Rufe antworten und einen Dialog mit ihm führen möge, am liebsten ohne Ende. Das Gefühl der Einsamkeit, der Ruf um Hilfe sind im Hundevolk nicht zu überhören.
In Gesellschaft seines Halters hat der Hund andere Gründe zu bellen: um ihn zu begrüßen, wenn er durch die Tür tritt, und um ihn zum Spielen einzuladen, weil er zufrieden ist. Und auch, wenn in seinem Hundeleben etwas nicht in Ordnung ist. Man muss schon hinhören.
Brigitte Bullard-Cordeau
Beuteerwerbsaggression wird in der Regel durch Hunger ausgelöst. Der Hund springt seine Beute mit geschlossenen Beinen an – Rute und Ohren hochgestellt, das Fell an Rücken und Lende gesträubt – lässt sich mit beiden Vorderläufen auf sie fallen, packt sie dann mit seinem Kiefer, schüttelt sie kräftig und bricht ihr dabei das Rückgrat. Beuteerwerbsaggression kommt auch bei satten Hunden vor: der Hund, der auf einem Hühnerhof das gesamte Geflügel tötet oder der das Weidevieh reißt. Dabei handelt es sich um physiologische Verhaltensweisen, und es gibt kein wirksames Mittel, gegen diese Art von Aggression anzugehen. Dann und wann hört man von Fällen, in denen sich Beuteerwerbsaggression gegen den Menschen gerichtet hat. Dabei handelt es sich um in Banden organisierte streunende Hunde. Diese Hunde betrachten den Menschen als Beute, da sie nicht auf ihn sozialisiert wurden. Manchmal legen auch Begleithunde in Gegenwart von Kindern, die noch nicht laufen können, diese Art der Beuteerwerbsaggression an den Tag. Solche Hunde sind vorher meist nicht mit Kindern dieses Alters in Kontakt gekommen.
Dominanzaggression ist sowohl unter Hunden als auch zwischen Mensch und Hund zu bobachten. Sie wird in einem Kontext ausgelöst, in dem der Hund sein Vorrecht als Ranghöherer in Frage gestellt sieht, egal ob innerhalb des Hunderudels oder des Rudels Hund-Mensch. Ein dominantes Tier ist ein Individuum, das den Zusammenhalt der sozialen Gruppe sicherstellt, indem es die Aggression der anderen Rudelmitglieder hemmt. Der dominante Hund frisst als erster, frisst langsam und möchte, dass seine Rangniedrigeren ihm dabei zusehen. Er bestimmt, wer welches Territorium und wie viel Platz einnehmen darf und wohin seine Rangniedrigeren gehen. Er positioniert sich daher oft an strategischer Stelle, von wo aus er alles beobachten kann. Er bestimmt über die Produktion von Nachkommen und über das Geschlechtsverhalten der Gruppe. Hündinnen und dominante Rüden dürfen sich vor den Augen der anderen Mitglieder des Rudels paaren. Ein rangniedrigerer Hund kann sich jedoch weder vor den Augen dominanter Hunde paaren, noch vor den Augen dominanter Halter. Dominante Besitzer sollten nicht dabei sein, wenn sich ihr Tier paart. Der dominante Hund reitet überall auf: bei seinen Artgenossen, bei Menschen gleichen Geschlechts, sogar bei Kissen – und zwar vor aller Welt. Das Aufreiten ist kein Zeichen der Homosexualität, sondern von Dominanzstreben. Wird das Vorrecht des Ranghöheren in Frage gestellt, kann es zu dominanzaggressivem Verhalten mit einer typischen Verhaltenssequenz kommen (Drohen, Zubeißen, Beschwichtigen), sowohl Hunden als auch Menschen gegenüber.
Die Beschwichtigung läuft beim Menschen ebenso ab wie unter Hunden. So hält zum Beispiel der Halter dem Hund die verletzte Hand hin, der Hund leckt sie ab ? und der Halter denkt, der Hund wollte sich damit bei ihm entschuldigen.
Irritationsinduzierte Aggression wird durch Frustrationen wie Hunger oder Schmerz ausgelöst oder dadurch, dass ein Rangniedrigerer physischen Kontakt initiiert hat und ihn nicht aufgibt (zum Beispiel ein vom Hund als rangniedriger eingestufter Halter, der seinen Hund streicheln oder bürsten will). Territoriale Aggression wird durch jedes Eindringen in den eigenen Bereich oder das Territorium des Rudels ausgelöst. Mütterliche Aggression existiert ausschließlich in Gegenwart von Welpen, wobei es sich jedoch auch um Spielzeug, ein Plüschtier, sogar einen Pantoffel handeln kann.
Angstinduzierte Aggression tritt in Situationen ein, denen sich der Hund nicht entziehen kann und aus denen jeder Fluchtversuch unmöglich ist. Er greift also an: entweder die anderen Hunde oder den Menschen, ohne vorherige Drohphase. Der Angriff erfolgt direkt und ist nicht vorhersehbar. Die zugefügten Verletzungen sind gravierend, denn eine Beißhemmung gibt es hier nicht.
Das Verschwinden einer der Phasen (Drohung und Besänftigung) kann auch auf eine operante Konditionierung zurückgehen. Beim dominanzaggressiven Verhalten weiß man zum Beispiel, dass der Hund aggressives Verhalten zeigt, sobald bestimmte Vorrechte, die er als Ranghöchster hat, in Frage gestellt werden.
Am Anfang ist die Aggressionssequenz noch komplett, und alle drei Phasen sind vorhanden. Wiederholen sich jedoch diese Verstöße, ohne dass sich in der Beziehung Mensch-Hund etwas ändert, dann ändert der Hund seinerseits kontinuierlich seine Aggressionssequenz ? die Flucht des Halters, wenn der Hund zugebissen hat, stellt dann exakt das verstärkende Element dar, ohne welches eine operante Konditionierung sich nicht entwickeln kann. Die Besänftigungsphase wird immer kürzer, verschwindet dann ganz. Die Drohphase verändert sich und findet praktisch statt, wenn der Hund schon zubeißt. Dann verschwindet auch sie ganz. Die Verletzungen sind ernst und nicht vorhersehbar.
Der Hund ist zu einem gefährlichen Tier geworden.